Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite? Ein transgenerationaler Blick zurück.
- Ulla Grans

- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite?
Diese Frage klingt zunächst harmlos. Fast philosophisch.
Und doch berührt sie einen wunden Punkt – besonders für Frauen. Ich beschreibe hier besonders die Rolle der Frau, was nicht bedeutet soll, dass Männer damit kein Thema haben.

Denn Arbeit ist für viele von uns weit mehr als Broterwerb. Sie ist Identität, Sicherheit, Daseinsberechtigung, manchmal sogar Schutz. Wenn ich arbeite, bin ich jemand. Wenn ich leiste, habe ich einen Platz.
Aber: Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite?
Wenn ich nicht funktioniere, nicht nützlich bin, nicht „meinen Teil beitrage“?
Um diese Frage wirklich zu verstehen, lohnt es sich ein Blick zurückzuwerfen – weiter zurück, als unser eigenes Leben reicht.
1. Patriarchale Strukturen – das unsichtbare Erbe
In der weiblichen Linie tragen wir nicht nur unsere persönliche Geschichte. Wir tragen auch vererbte Emotionen und unerfüllte Sehnsüchte unserer Vorfahren. "Dir soll es einmal besser gehen.", "Mache dich nie abhängig von einem Mann.", sind nur zwei Beispiele, wie diese Sehnsüchte weiter wirken können.
Und wir tragen auch Jahrhunderte alte Loyalitäten zu einem patriarchalen System.
Unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter lebten oft unter Bedingungen, die heute kaum vorstellbar sind. Viele von ihnen mussten lernen zu schweigen, zu dienen, sich anzupassen. Nicht zu viel zu wollen. Nicht zu laut zu sein. Nicht zu groß zu träumen.
Nicht aus Schwäche – sondern aus Überlebensklugheit.
Diese Erfahrungen wurden weitergegeben. Still. Unausgesprochen.
Transgenerational.

So entstehen innere Verträge, oft unbewusst:
Pass dich an.
Sei brav.
Erst die anderen, dann du.
Wachse nicht über deine Herkunft hinaus.
Gleichzeitig gibt es auch die andere Botschaft oder auch Auftrag: z.B. deiner Mutter.
Mach es besser als ich.
Erreiche mehr.
Verwirkliche meine Träume.
Wehr dich – weil ich es nicht konnte.
Beides wirkt gleichzeitig. Und beides kann enormen inneren Druck erzeugen.
Ein Blick auf die Geschichte macht deutlich, wie jung viele Rechte von Frauen eigentlich sind:
1918: Wahlrecht für Frauen
1958: Gleichberechtigungsgesetz – Frauen durften grundsätzlich arbeiten
1962: eigenes Bankkonto ohne Zustimmung des Mannes (nur für verheiratete Frauen)
Bis dahin hatte der Mann das letzte Wort. Er verwaltete das Vermögen
1977: rechtliche Gleichberechtigung in der Ehe
1997: sexuelle Gewalt in der Ehe wird strafbar – davor als „eheliche Pflicht“ verharmlost.
Das sind nur einige Schlaglichter, die ich auf das patriachale System gerichtet habe.
Das ist keine ferne Vergangenheit. Das ist die Lebensrealität unserer Mütter und Großmütter.
Kein Wunder also, dass viele Frauen heute ein tief verankertes Gefühl haben:
Ich muss viel leisten, um sicher zu sein. Ich muss funktionieren. Das führt sehr oft dazu, dass dein Nervensystem überaktiviert und in andauernder Stressaktivierung ist. Du kennst das bestimmt auch: Du kommst nach einem anstrengenden Tag nach Hause und findest einfach keine Ruhe. Du legst dich abends ins Bett und kannst nicht schlafen. Das passiert häufig, wenn dein Nervensystem die ganze Zeit "an" ist. Es kann sein, dass du diese erhöhte "Alarmbereitschaft" also einen Übererregungszustand schon immer in dir trägst. Neueste Untersuchungen zeigen, dass das kindliche Stressregulationssystem durch pränatale Disposotionen entstehen kann.

2. Epigenetik – wenn Geschichte im Körper weiterlebt
Hier kommt die Epigenetik ins Spiel.
Epigenetik beschreibt kleine „Schalter“ auf unserer DNA. Sie entscheiden, welche Gene aktiv sind – ohne den genetischen Code selbst zu verändern.
Chronischer Stress, Gewalt, Ohnmacht oder permanente Anpassung können diese Schalter beeinflussen.
Und ja: Diese Veränderungen können weitervererbt werden.
Das bedeutet:
Ein Kind kann mit einem Nervensystem geboren werden, das von Anfang an auf erhöhte Alarmbereitschaft eingestellt ist – obwohl es selbst keine traumatische Erfahrung gemacht hat.
Transgenerationale Übertragung bedeutet, dass Erfahrungen, Verletzungen, unverarbeitete Gefühle, unterdrückte Wut, nicht gelebte Trauer, Beziehungsmuster in einer Genereration und strukturelle Machtverhältnisse einer Generation nicht einfach mit ihr verwschwinden sondern - unbewusst- in der nächsten Generation weiterwirken.
Die gute Nachricht:
Diese Kette endet dort, wo Gefühle benannt werden dürfen und wo Unausgesprochenes ausgesprochen werden darf, wo Grenzen respektiert werden, wo nicht mehr geschwiegen, sondern verstanden wird. Damit endet etwas, was vor lange vor der eigenen Zeit begonnen hat.
3. Das Genogramm – Deine weibliche Linie verstehen
Ein kraftvolles Werkzeug, um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist das Genogramm (Blogartikel dazu:Was sind eigentlich unsere Wurzeln?)
besonders entlang der mütterlichen Linie über mehrere Generationen.
Fragen, die hier wichtig sind können sein:
Wann wurde Deine Mutter, Großmutter, Urgroßmutter geboren?
In welchem historischen Kontext lebten sie?
Welche Rollen hatten sie?
Welche Muster wiederholen sich?
Gibt es Tabuthemen? Schweigen? Schuld? Überforderung?
Was wurde weitergereicht – bewusst oder unbewusst?
Und dann die entscheidenden Fragen:
Was trägst Du heute von Deinen Ahninnen in Dir?
Was ist ihres – und was gehört wirklich zu Dir?
Welche Wunde trägst Du mit, die gar nicht Deine ist?
Welche Muster sind älteren Generationen zuzuordnen?
Mögliche Verstrickungen müssen jedoch nicht dein Schicksal sein. Sie können auch der
Anfang deiner Freiheit sein. Das passiert häufig dann, wenn jemand immer schon spürte, dass es im Herkunftssystem etwas Unausgesprochenes gibt. Etwas das wirkt, wo jedoch ein Schleier, ein Nebel drüber liegt. Manchmal ist dieses nur ein diffuses Gefühl. Es ist aber da und meldet sich immer mal wieder. Durch die Arbeit mit dem Genogramm werden manche Schleier gelüftet, der Nebel kann davonziehen.
Häufig zeigt sich hier etwas sehr Berührendes:
Was hätte Deine Mutter oder Großmutter gebraucht, um sich sicher, gesehen, zufrieden zu fühlen?
Und: Was hätte das für Dein Leben verändert?
Was hat das jetzt mit der Frage zu tun, wer du bist, wenn du nicht arbeitest?
Vielleicht bist Du dann jemand, der endlich atmen darf.
Jemand, die nicht mehr beweisen muss, dass sie einen Platz hat.
Jemand, die ihr Sein nicht länger über Leistung legitimiert.
Jemand, die endlich ihren eigenen Platz im Leben einnimmt.
Diese Frage ist kein Luxusproblem.
Sie ist ein Schlüssel zur inneren Freiheit – und oft auch ein Akt der Loyalitätsklärung:
Was darf ich loslassen, weil es nicht (mehr) zu mir gehört?
Du musst nicht weitertragen, was andere nicht tragen konnten.
Du darfst neu wählen. Das ist die Freiheit unserer Generation. Damit meine ich die Generation X (geboren zwischen 1965-1980). Wir sind die erste Generation Frauen (in der westlichen Welt), die die Möglichkeit haben zu wählen, wie sie leben möchten. Die Lebensformen sind vielfältiger geworden und daraus entstehen Entscheidungsmöglichkeiten. Häufig resultiert daraus gleichzeitig eine unbewusste innere Pflicht. Diese wiederum kann auch das „immer funktionieren müssen“ anfeuern. Also aufgepasst.
Und vielleicht beginnt genau hier eine neue Antwort auf die Fragen:
"Wer bin ich – jenseits von Arbeit, Pflicht und Anpassung" oder
"Wer bin ich jenseits der Geschichten, die ich übernommen habe?"
Wie tragen mehr in uns, als uns bewusst ist. Erfahrungen, Aufträge, unausgesprochene Loyalitäten. Manche können Halt geben, andere wirken in unserem Nervensystem weiter.
Sobald wir beginnen, alte Verstrickungen zu lösen und die oft unbewusste Vergangenheit zu hinterfragen, öffnet sich ein neuer Raum für dich.

Dieser Prozess braucht Raum, Zeit und eine erfahrene Expertin, die dich dabei unterstützt und dir vor allem die richtigen Fragen stellt. Damit du wieder Orientierung und emotionale Sicherheit findest.
In meiner Arbeit begleite ich genau diesen Prozess mit viel Erfahrung, Klarheit und einem guten Gespür dafür, was sich zeigen möchte. Dieser Raum ist ein Ort der Sicherheit und des Ausprobierens für dich.
Melde dich gerne zu einem Klarheitsgespräch bei mir. Wir klären dann dein Anliegen, die Rahmenbedingungen und machen uns dann auf eine spannende Reise.
Ich freue mich auf dich!
Ulla Grans




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