• Ulla Grans

Coaching trifft Therapie

Aktualisiert: 9. Sept.

Dieser Artikel ist ein Versuch und es ist mir ein wichtiges Anliegen, Menschen die nach Hilfe suchen, weil bestimmte Bereiche ihres Lebens nicht mehr als zufriedenstellend erlebt werden oder sie sich in einer Krise befinden, dazu zu ermuntern, hinter die Kulissen zu schauen. Genauer hinzusehen, welche Ausbildungen und Professionen hinter dem Internetauftritt oder dem Instagramprofil eigentlich wirklich stecken und wo vielleicht auch nur heiße Luft verkauft wird, um Geld zu machen.


Ein intensiver Austausch mit einer Kollegin und Freundin, zum Thema:"Therapie und Coaching in Social Media Formaten" hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir waren uns darüber einig, dass es wirklich haarsträubend ist, was es im www an unsachlichen Informationen, Versprechungen, die von Unwissenheit geprägt sind, zu lesen gibt. Wir sprachen über therapeutische Neutralität, über ethische Verantwortung gegenüber unseren KlientInnen und darüber, dass man als Nutzer im Netz diese Dinge kaum trennscharf nachvollziehen kann.

Von "Komm wir arbeiten an deinem Trauma" bis "Ich coach dich reich." ist dort leider alles zu finden.


Aber wir trennt man denn nun als Nutzer, als Suchender, als jemand, der vielleicht ein persönliches Problem hat, die Spreu vom Weizen?

Dazu ist es zunächst einmal notwendig, den Unterschied zwischen Coaching und Therapie etwas deutlicher zu machen.


Was ist denn der Unterschied zwischen Coaching und einer Therapie?


Ich hatte gerade eben noch einen Klientin mir gegenüber sitzen, der mir sagte:"Ich verstehe das alles gar nicht, was es da so gibt. Psychiater, Therapeut, Heilpraktiker. Was heißt das eigentlich? Ich habe einfach bei Google gesucht. Ich habe ihre Seite gefunden und war froh, dass ich zeitnah einen Termin bekommen habe." So oder ähnlich geht es wohl vielen Menschen, die im Internet nach Hilfe suchen. Die Suche verläuft ja häufig nach dem Zufallsprinzip. Wenn ich nach einem Orthopäden suche, weil ich Knieschmerzen habe, schaue ich ja auch nicht, wo und ob derjenige Medizin studiert hat. Ich gehe davon aus, dass das so ist, weil ich weiß, dass diese Bezeichnung gesetzlich geschützt ist. Ganz anders ist das im Bereich Coaching und Therapie. Dort gibt es viele, oft auch ungeschützte Bezeichnungen. Vor allem der Bereich "Coaching" ist mittlerweile ein unübersichtliches Feld. Vom professionellen Coaching bis zum Nähcoaching ist dort alles vertreten.







Wann gehe ich denn zum Coaching und ab wann ist eine Therapie eher hilfreich?


Als eine Richtschnur kann man sagen, dass Coaching sich an Menschen richtet, die psychisch gesund sind. Was heißt "psychisch gesund"? Psychisch gesund heißt, dass man sich in einem „Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“, befindet, definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das bedeutet, dass im Alltag die Fähigkeiten zum Selbstmanagement funktionieren. Du kannst deinen Alltag ohne große Probleme bestreiten, du kannst deiner Arbeit nachgehen, du hast ein funktionierendes soziales Umfeld, deine Partnerschaft beruht auf gegenseitiger Wertschätzung.


Im Coaching geht es mehr um Themen der Selbstfindung, der Lebensplanung, um Themen im Job, um Dynamiken in Paarbeziehungen oder in Familiensettings, die nicht gut funktionieren. Am Beispiel von Angst ist das gut zu erklären. Wenn ich Angst vor Prüfungen habe, kann ich im #Coaching nach der Ursache suchen, Widerstände auflösen und vor allem wieder Zutrauen in meine Fähigkeiten finden. Beende ich aber z.B. mein Studium, weil ich den Prüfungen damit aus dem Weg gehe, wird die Angst zum Symptom, zu einer Erkrankung und gehört in professionelle Hände.


Im Coaching geht es NICHT um die Diagnostik und um die Be-handlung von psychischen Störungen! Leider ist der Begriff und die Berufsbezeichnung "Coach" nicht gesetzlich reglementiert und geschützt. Das wäre jedoch sehr wünschenswert, da die KlientInnen in der Regel kein Wissen darüber haben, welche Coachingausbildung fachlich hochwertig ist und welcher Coach nur einen Jahreskurs bei irgendeiner Akademie absolviert hat (wenn überhaupt).


Ob mein Gegenüber ein Coaching oder eine Psychotherapie benötigt, stellt sich meist schon im Erstgespräch heraus. Hier ist es dann meine Aufgabe als Coach, den Klienten darauf hinzuweisen, dass ein Besuch beim niedergelassenen Psychiater und/oder eine Psychotherapie angezeigt ist. Die Methoden der Gesprächsführung, um diese Anzeichen zu erkennen, sollte jeder Coach kennen.


Kurz: Eine Psychotherapie ist dann angezeigt, wenn der Klient in seinem Alltag so sehr von seinen Symptomen eingenommen ist, dass er Schwierigkeiten hat, in seinem Alltag in gewohnter Weise zu bestehen. Der Faktor "Zeit" spielt hier eine große Rolle. Wenn die Einschränkungen im Alltag, wie Ängste, Panik, Niedergeschlagenheit, Trauer usw. schon über einen gewissen Zeitraum anhalten, dann ist eine Vorstellung bei einem Psychotherapeuten angezeigt.


Woran kann ich als Nutzer eine gute Ausbildung von meinem Coach oder meiner Psychotherapeutin erkennen?


Das ist in der Tat schwierig zu erkennen. Ihr solltet immer auf die Ausbildungen schauen und darauf, ob der/diejenige in einem Fachverband Mitglied ist. In meinem Bereich gibt es da z.B. die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF), in der man nur zertifiziertes Mitglied werden kann, wenn man gewisse Ausbildungsstandards erfüllt. Man kann die Verbände einfach googeln und bekommt auch als Laie relativ schnell einen Eindruck, ob der Verband seriös ist.

Menschen, die ein akutes Problem haben, sind in der Regel innerlich in Aufruhr, in Not, manchmal auch in Panik. Eine Krise ist immer und für jeden ein Ausnahmezustand. deshalb ist es mir ein so wichtiges Anliegen, meinen Teil dazu beizutragen, Aufklärungsarbeit zu leisten. In einer Krise ist man meist nicht mehr in der Lage abzuwägen oder einzuschätzen, wer für mich als Coach oder Therapeut in Frage kommt. Meist geht man dorthin, wo noch Platz ist, weil es viel zu wenig Plätze für Psychotherapie und Coaching gibt ...

(aber das ist ein anderes Thema...) und man von der Flut einfach überrollt ist.




Coaching ist kein Spaziergang, sondern erfordert genauso innere Arbeit wie eine Therapie. Diese Arbeit geschieht jedoch an unterschiedlichen Punkten.

Es geht in meinen Coachings meist darum, dass du überhaupt erstmal wieder spürst, was du eigentlich möchtest, wie deine Vision von dir aussieht, woher du kommst, von welchen familiären Strukturen deiner Herkunftsfamilie du profitierst und wo sie dir vielleicht auch im Weg stehen. Es geht um eingeschliffene Muster, um Glaubenssätze und um neue Denkwege und vor allem darum, dass du wieder zu dir zurückfindest.

Denn wir Systemiker gehen davon aus, dass die Lösung schon längst da ist und es gilt diese gemeinsam zu heben!

Coaching ist somit keineswegs oberflächlich, denn mitunter gilt es, schwierige Fragen zu beantworten, die Bereiche außerhalb deiner Komfortzone betreffen. Dort gibt es häufig Muster von Vermeidung oder die unbewusste Einladung, immer wieder in ähnliche Muster zu gehen.


Einige Coaches haben eine zusätzliche Ausbildung gemacht und bieten auch Psychotherapie an und auch umgekehrt. Das ist meines Erachtens, die beste Begleitung für die KlientInnen. Denn dann kann man im Erstgespräch gemeinsam schauen, in welche Richtung es gehen kann. Der Klient muss dann auch nicht mehr, den Therapeuten/Coach wechseln und nicht noch einmal seine Geschichte erzählen. Er muss nicht noch einmal den Mut aufbringen, sich zuzugestehen, dass er/sie Unterstützung benötigt. Denn dieser erste Schritt ist häufig der schwerste.


Ich möchte hier noch ein paar Sätze zu meiner Person verlieren und finde es an dieser Stelle wichtig, auf meine berufliche Biographie einzugehen.

Ich schreibe diesen Artikel als Coach, systemische Einzel-,Paar-, Familienberaterin, Master of Arts im Bereich der Psychosentherapie (International Psychoanalytic University Berlin/IPU) und nicht zuletzt als Diplom Sozialarbeiterin (Uni/GH Essen) mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Bereich der Psychiatrie. Ich bezeichne mich durchaus als Expertin in meinem Bereich. Ich weiß dadurch aber auch sehr genau, wo meine Grenzen liegen, was ich im therapeutischen Sinne darf oder auch nicht, an welchen Stellen sofortiges Handeln angezeigt ist und wann ich an einen Psychotherapeuten überweisen muss.

Denn das habe ich in meinen beiden Studien und Ausbildungen gelernt.

Ich bereite mich derzeit auf meine Prüfung zur Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz vor, damit ich eben beide Bereiche vereinen kann und vor allem darf! Meine inhaltliche Arbeit, meine Methoden, mein Wissen wird sich durch diese Prüfung kaum verändern. Der Punkt ist, dass ich dann diese Bezeichnung führen darf und diese auch gesetzlich geschützt ist. So und nur so kann ich dann beide Bereiche in meiner Arbeit abdecken.


Im folgenden stelle ich eine kurze Auflistung der verschiedenen Berufsgruppen zusammen, die Psychotherapie anbieten dürfen.


  1. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder ärztlicher Psychotherapeut (hat Medizin studiert und seinen Facharzt im o.g. Bereich abgeschlossen. Nur er/sie darf Medikamente verschreiben!)

  2. Psychologischer Psychotherapeut (hat Psychologie studiert, hat den Bereich der klinischen Psychologie im Studium abgedeckt, hat den Master gemacht und eine mehrjährige Ausbildung in einem anerkannten psychotherapeutischen Verfahren abgeschlossen)

  3. Psychotherapeut nach dem Heilpraktikergesetz (muss eine Prüfung vor dem zuständigen Gesundheitsamt erfolgreich abgelegt haben und entsprechende Kenntnisse in einem psychotherapeutischen Verfahren nachgewiesen haben. Darf sich nicht Psychotherapeut nennen, sondern muss kenntlich machen, dass es sich um die Heilpraktikererlaubnis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz handelt / Psychotherapeut (HPG) oder Heilpraktiker für Psychotherapie.)


Auf die Beziehung kommt es an!


In meinem Studium an der IPU in Berlin wurde häufig die Frage von, "wo hört Beratung/Coaching auf und wo fängt Therapie an", diskutiert. Meine Professorin hat dazu immer gesagt:" Auf die Beziehung kommt es an." Den Satz habe ich mir gemerkt, weil er so wahr ist. Das ist der Kern aller erfolgreichen Coachings, Therapien und Psychotherapien - die Beziehung zwischen KlientIn und Coach/Therapeut muss stimmen!

Dem ist nur noch hinzuzufügen, dass diese Aussage natürlich nur dann wahr ist, wenn wir vorher unsere Hausaufgaben gemacht haben sprich: Ausbildungen absolviert haben und unser Handwerk beherrschen.


Ich wünsche mir, dass dieser Artikel dazu beiträgt, dass du nun besser weißt, worauf du achten solltest, wenn du dir in einer Krise oder in einer schwierigen Phase deines Lebens Hilfe suchst.


Du kannst mich gerne kontaktieren, wenn du Fragen, Anmerkungen oder Kritik zu meinem Blogartikel hast.

Ich freue mich über deine Frage, deine Kritik, deinen Kommentar, denn ich bin überzeugt davon, dass hier noch sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig ist.


Es geht einzig und allein darum, dass die Menschen, die professionelle Hilfe benötigen, diese auch von qualifizierten Coaches, Therapeuten, Psychotherapeuten bekommen!


Herzliche Grüße

deine Ulla



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